{"id":3324,"date":"2014-10-12T09:49:36","date_gmt":"2014-10-12T07:49:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/?p=3324"},"modified":"2014-10-12T09:49:36","modified_gmt":"2014-10-12T07:49:36","slug":"ich-will-nicht-betteln-aber-ich-duerfen-muss-ich-warum-wir-heuer-bei-den-fare-aktionswochen-die-bettellobby-unterstuetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/ich-will-nicht-betteln-aber-ich-duerfen-muss-ich-warum-wir-heuer-bei-den-fare-aktionswochen-die-bettellobby-unterstuetzen\/","title":{"rendered":"Ich will nicht betteln, aber ich d\u00fcrfen muss ich <br \/>Warum wir heuer bei den FARE Aktionswochen die Bettellobby unterst\u00fctzen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/bettellobbywien.wordpress.com\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/bettellobbywien.files.wordpress.com\/2009\/02\/bettellobby.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"298\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kurzinfo vorab:<\/strong> Im Rahmen der FARE Aktionswochen wird auch wieder die Kastl-Aktion durchgef\u00fchrt &#8211; <a title=\"17.10. |\u00a0Kastl-Aktion \u2013 FARE Aktionswochen unterst\u00fctzen!\" href=\"http:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/kastl-aktion-fare-aktionswochen-unterstuetzen\/\"><strong>weitere Infos dazu HIER<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Angesichts wachsender sozialer Ungleichheit nehmen Schuldzuweisungen an unerw\u00fcnschten Gruppen zu, besonders betroffen sind bettelnde Menschen. In den letzten Jahren wurden in \u00d6sterreich zahlreiche Gesetzesnovellen beschlossen, die das Betteln einschr\u00e4nken sollen. Ins Visier der politischen und medialen Hetze geraten dabei vor allem jene, die keine \u00f6sterreichische Staatsb\u00fcrger_innen haben und aus neuen EU L\u00e4ndern wie der Slowakei, Rum\u00e4nien oder Bulgarien kommen.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nMediale und politische Sprechweisen \u00fcber diese Menschen tendieren dazu, ihnen die Legitimit\u00e4t ihres Handelns abzusprechen (weil sie \u201ezu aggressiv\u201d, \u201eorganisiert\u201d oder nicht \u201evon hier\u201c sind) und sie pauschal zu kriminalisieren (\u201eBettelmafia\u201c) oder zu viktimisieren (\u201eausgebeutete Opfer\u201c). Als BettelLobbyWien ist es uns wichtig, diese Diskurse zu kritisieren und stattdessen in den Mittelpunkt zu stellen, dass Menschen mit Betteln, Stra\u00dfenmusik und Zeitungsverkauf aktiv nach M\u00f6glichkeiten suchen, um ihr \u00dcberleben zu sichern. Damit nehmen wir nicht nur ihre schwierigen Lebens- und Bettelbedingungen in den Blick, sondern auch ihre Handlungsf\u00e4higkeit, ihre Anstrengung der Spirale aus massiver Armut und Perspektivenlosigkeit auszubrechen. \u201eWer nach \u00d6sterreich zum Betteln kommt, hat sich noch nicht aufgegeben. Er oder sie hat Lebenswillen, Organisationskraft, Durchhalteverm\u00f6gen, diese Reise und all die Strapazen des Bettelns auf sich zu nehmen\u201c, schreibt Michael K\u00f6nig, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Diakoniewerks Salzburg, der im Sommer 2014 nach Pitesti in Rum\u00e4nien reiste, eine Region aus der viele Bettler_innen in \u00d6sterreich kommen. \u201eBetteln ist keine bessere Alternative als Arbeit, aber eine bessere zu einem Leben in Apathie, Resignation oder Kriminalit\u00e4t.\u201c, schreibt K\u00f6nig.<\/p>\n<p>Er beschreibt das massive Elend in der von h\u00e4ufigen Hochwassern betroffenen D\u00f6rfern in Pitesti. Neben der Zerst\u00f6rung der Unterk\u00fcnfte und der hohen Arbeitslosigkeit treibt auch die fehlende leistbare Gesundheitsversorgung und die Notwendigkeit Geld f\u00fcr Operationen zusammen zu bekommen, Menschen zum Betteln nach \u00d6sterreich. Der gesetzliche Mindestlohn wurde in Rum\u00e4nien zum 1. Juli 2014 auf 900 RON (ca. 200 Euro) festgesetzt. Die staatliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr eine erwerbsarbeitslose f\u00fcnfk\u00f6pfige Familie betr\u00e4gt ca. 200 Euro im Monat. Die Lebensmittelpreise sind im Vergleich dazu recht hoch: 1 Liter Milch kostet umgerechnet 1 Euro, 700g Wei\u00dfbrot 70 Cent, 1 Liter Speise\u00f6l 1,7 Euro. Rum\u00e4nien und Bulgarien z\u00e4hlen zu den EU-L\u00e4ndern mit der h\u00f6chsten Armutsgef\u00e4hrdungsquote.<\/p>\n<p>Je weniger Menschen auf materielle Ressourcen zur\u00fcckgreifen und sich auf existenzsicherende Notfallhilfe eines Staats verlassen k\u00f6nnen, desto mehr sind sie auf ihre sozialen Netzwerke, auf famili\u00e4re, freundschaftliche und ethnische Solidarit\u00e4t und Unterst\u00fctzung angewiesen. Umso mehr, wenn sie \u2013 tempor\u00e4r oder langfristig \u2013 in ein anderes Land migrieren. Die Beziehungsnetze, die der \u00dcberlebenssicherung dienen, gelten politisch und medial als suspekt, undurchschaubar, ausbeuterisch und gef\u00e4hrlich. Die Fahrt- und Wohngemeinschaften von Bettelnden werden skandalisiert und zunehmend kriminalisiert; Menschen werden wegen \u201egewerbsm\u00e4\u00dfigem Betteln\u201c oder als \u201eBetteln als Mitglied einer organisierten Gruppe\u201c bestraft, weil sie wiederholt gemeinsam zum Betteln gehen.<\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich gesetzlicher Versch\u00e4rfungen und hetzerischer \u00f6ffentlicher Diskussionen haben sich in mehreren St\u00e4dten Gruppen und Allianzen gebildet, die sich f\u00fcr das Recht zu betteln und gegen Vertreibung und Kriminalisierung einsetzen. In Wien haben sich im Jahr 2008 Menschen zur BettelLobbyWien zusammengefunden, die sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Betteln besch\u00e4ftigen. Sie haben dazu geforscht oder Filme gemacht, haben in ihrem Alltag oder Beruf pers\u00f6nliche Kontakte zu bettelnden Menschen oder sind \u00fcber den Umgang mit BettlerInnen in Wien emp\u00f6rt. Die BettelLobbyWien macht politische Arbeit, die sich vor allem auf Interventionen in dominante Diskurse zum Betteln konzentriert. Dabei versuchen wir den stereotypen und diffamierenden Geschichten \u00fcber die sogenannte Bettelmafia, \u00fcber ausgebeutete Opfer und reiche Hinterm\u00e4nner sowie der weit verbreiteten stigmatisierenden Verkn\u00fcpfung von Roma und Romnija mit dem Betteln ein anderes Wissen entgegenzusetzen. Es geht um ein anderes Wissen \u00fcber Armut und Diskriminierung, \u00fcber wirtschaftliche Verflechtungen zwischen alten und neuen EU-L\u00e4ndern, \u00fcber Menschen, die aktiv nach M\u00f6glichkeiten der \u00dcberlebenssicherung suchen, \u00fcber Selbstorganisation in Form von Fahrt- und Wohngemeinschaften, \u00fcber die Auswirkungen von Gesetzen und ihre oft willk\u00fcrlichen Auslegungen, \u00fcber Geld- und Ersatzfreiheitsstrafen wegen Bettelns, \u00fcber ein Verst\u00e4ndnis von urbanem \u00f6ffentlichem Raum als einem Raum f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>Seit Herbst 2013 veranstaltet die BettelLobbyWien einmal monatlich ein Rechtshilfetreffen im Amerlinghaus Wien um Bettler_innen und Unterst\u00fctzer_innen bei der Einbringung von Rechtsmitteln gegen Strafverf\u00fcgungen und Beh\u00f6rdenma\u00dfnahmen zu unterst\u00fctzen. Mittlerweile liegen unz\u00e4hlige Berichte von Bettler_innen vor, beklemmende Dokumente der \u2013 oftmals rechtwidrigen \u2013 Vertreibungspraxis auf Wiens Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>Es ist wichtig bettelnde Menschen als Rechtssubjekte wahrzunehmen und sie zu unterst\u00fctzen, sich gegen rechtwidrige Behandlung und unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Strafen zu wehren. Dies rechtliche Vorgehen kann aber nicht die einzige Strategie sein: Neben Angeboten zur materiellen und medizinischen Basisversorgung, zu Ausbildung und Erwerbsarbeit braucht es auch ein gesellschaftliches Umdenken: \u00d6sterreich geh\u00f6rt zu den EU-L\u00e4ndern, die stark von der sogenannten EU-Osterweiterung profitieren, durch Brain Gain ebenso wie durch niedrige L\u00f6hne und gute Gewinne in rum\u00e4nischen oder bulgarischen Produktionsst\u00e4tten. Dass neben Fachkr\u00e4ften, Unternehmen und Kapital auch so manche armutsbetroffene Menschen die offenen Grenzen n\u00fctzen, gilt dann als unerw\u00fcnschte Nebenwirkung und Skandal. Armut und Armutsbek\u00e4mpfung kann aber unter den gegebenen wirtschaftlichen und sozialen Verflechtungen nicht mehr nationalstaatlich gedacht werden. F\u00fcr die komplexen Probleme von Armut und gesellschaftlicher Ungleichheit gibt es keine einfachen L\u00f6sungen.<\/p>\n<p>Was aber durchaus nicht so schwierig sein sollte, ist ein freundlicher und respektvoller Umgang mit bettelnden Menschen auf den Stra\u00dfen Wiens.<\/p>\n<p>Weitere Texte und die Termine der Rechthilfetreffen, zu der alle Interessierten herzlichen eingeladen sind, finden sich auf: <a href=\"https:\/\/3c.gmx.net\/mail\/client\/dereferrer?redirectUrl=http%3A%2F%2Fbettellobbywien.wordpress.com%2F\">http:\/\/bettellobbywien.wordpress.com\/<\/a><\/p>\n<p>Kontakt zur BettelLobbyWien: <a href=\"mailto:bettellobbywien@gmx.at\">bettellobbywien@gmx.at<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-730\" src=\"http:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/fare_4c_rot_300pxwide.jpg\" alt=\"FARE Logo\" width=\"300\" height=\"131\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Kurzinfo vorab: Im Rahmen der FARE Aktionswochen wird auch wieder die Kastl-Aktion durchgef\u00fchrt &#8211; weitere Infos dazu HIER Angesichts wachsender sozialer Ungleichheit nehmen Schuldzuweisungen an unerw\u00fcnschten Gruppen zu, besonders betroffen sind bettelnde Menschen. 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