{"id":3934,"date":"2015-11-16T15:57:08","date_gmt":"2015-11-16T13:57:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/?p=3934"},"modified":"2015-11-16T20:01:59","modified_gmt":"2015-11-16T18:01:59","slug":"war-der-wiener-sport-club-antisemitisch-artikel-aus-der-ballesterer-jubilaeumsausgabe-100","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/war-der-wiener-sport-club-antisemitisch-artikel-aus-der-ballesterer-jubilaeumsausgabe-100\/","title":{"rendered":"War der Wiener Sport-Club antisemitisch? (Artikel aus der ballesterer Jubil\u00e4umsausgabe #100)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight: 400;\">Vielen Dank an Ballesterer FM und Georg Spittaler f\u00fcr die M\u00f6glichkeit unten stehenden Artikel auf unserer Website\u00a0zu ver\u00f6ffentlichen:<\/span><!--more--><\/p>\n<p><b>War der Wiener Sport-Club antisemitisch?<\/b><\/p>\n<p><b>Text: Georg Spitaler <\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Von Pogromversuchen und w\u00fcsten antisemitischen Exzessen schrieb die sozialdemokratische <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Arbeiter- Zeitung <\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">im M\u00e4rz 1927 anl\u00e4sslich eines Matchs zwischen der zionistischen Hakoah und dem Wiener Sport-Club. Das Spiel hatte nach vier Ausschl\u00fcssen mit wilden Raufereien auf den R\u00e4ngen geendet. Antisemitismus war auf den Fu\u00dfballpl\u00e4tzen Wiens zu einem allt\u00e4glichen Ph\u00e4nomen geworden. Dabei war der Zugang f\u00fcr Juden im Fu\u00dfball offener als in anderen Sportarten. Bei den Turnern, im Alpinismus, dem Skiverband oder vielen Rudervereinen gab es schon in den 1920er Jahren Arierparagrafen. Au\u00dferhalb Wiens waren solche antisemitischen Regelungen auch bei Fu\u00dfballvereinen verbreitet, bei den gr\u00f6\u00dferen Wiener Klubs gab es hingegen j\u00fcdische Mitglieder. Eine Ausnahme stellte der Wiener Sport-Club dar. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">INFORMELLER AUSSCHLUSS <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Zwar existierte beim WSC wohl kein schriftlicher Arierparagraf; ein Verein, der eine Wurzel seiner Fu\u00dfballsektion bildete, die 1900 gegr\u00fcndete Deutsche Jungmannschaft W\u00e4hring, hatte aber einen solchen gehabt. Mitglied des aus der \u201eTischgesellschaft\u201c Wodanbund hervorgegangenen deutschen Sport- und Geselligkeitsvereins konnten \u201enur Deutsche\u201c werden. Aber auch ohne Arierparagraf gab es unter den WSC-Funktion\u00e4ren der Zwischenkriegszeit keine Juden. So lautet ein Zwischenergebnis eines Forschungsprojekts \u00fcber j\u00fcdische Funktion\u00e4re im Wiener Sport. F\u00fcr den Historiker Bernhard Hachleitner, selbst ehemaliger Vorsitzender der \u201eFreundInnen der Friedhofstrib\u00fcne\u201c, ist vor allem \u00fcberraschend, dass sich beim WSC vor 1938 auch keine Konvertiten fanden \u2013 also Personen, die aus der j\u00fcdischen Kultusgemeinde ausgetreten waren. Er verweist auf komplizierte Aufnahmeregeln f\u00fcr ordentliche Mitglieder. Diese sahen eine f\u00fcnfj\u00e4hrige au\u00dferordentliche Mitgliedschaft oder Jugendmitgliedschaft vor, zus\u00e4tzlich auch eine Zustimmung der Klubleitung mit Dreiviertelmehrheit. \u201eDurch diesen Aufnahmemodus kann ein Verein recht gut regulieren, wen er aufnimmt und wen nicht\u201c, sagt Hachleitner. Dass dabei auch ideologische Fragen eine Rolle spielten, l\u00e4sst ein WSC-Einladungsschreiben vermuten, in dem einem zuk\u00fcnftigen Mitglied bescheinigt wird, \u00fcber eine \u201efreundliche Gesinnung f\u00fcr das deutschchristliche Volkstum\u201c zu verf\u00fcgen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">ANTISEMITISCHE AUSSCHREITUNGEN <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Meist fanden Ausschreitungen auf den Fu\u00dfballpl\u00e4tzen ihren Ausgang bei Ereignissen auf dem Feld. Gerade wenn die Hakoah beteiligt war, unterschieden sich die Interpretationen der Krawalle in den Medien aber je nach politischem Standpunkt. Wie der Historiker Michael John schreibt, h\u00e4uften sich antisemitische \u00dcbergriffe in Wahlkampfzeiten. Die Vorg\u00e4nge auf den Fu\u00dfballpl\u00e4tzen wurden aber nur von der sozialdemokratischen Presse explizit mit dem politischen Antisemitismus des Gegners \u2013 der Christlichsozialen und ihrer gro\u00dfdeutschen Verb\u00fcndeten \u2013 in Verbindung gebracht. Das galt gerade f\u00fcr Spiele des WSC, bei dem viele Funktion\u00e4re den Christlichsozialen nahestanden. Der f\u00fcr seinen politischen Antisemitismus bekannte Leopold Kunschak war etwa seit 1922 Mitglied.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Im November 1923 wurde ein Spiel zwischen der Hakoah und dem Sport-Club nach drei Ausschl\u00fcssen abgebrochen, wie 1927 kam es zu Ausschreitungen. Das <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Sport-Tagblatt <\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">f\u00fchrte die Ereignisse auf den Vereinsfanatismus der Anh\u00e4nger zur\u00fcck. Die zionistische <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Wiener Morgenzeitung <\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">schrieb: \u201eMenschen, die sich zu einer politischen Partei bekennen, welche die Duldsamkeit zu ihren Grunds\u00e4tzen aufgestellt hat (gemeint sind die Christlichsozialen, Anm.), geb\u00e4rden sich wie die \u00e4rgsten Radau-Antisemiten. Schimpforgien, in denen das Wort \u201aSaujud\u2019 immer wiederkehrte und wilde Drohungen konnte man von allen Seiten vernehmen.\u201c Die Vereinsleitung der Hakoah drohte nach dem Spiel, sich aus der Meisterschaft zur\u00fcckzuziehen. Im deutschnationalen <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Neuen Montagblatt <\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">wurde die Schuld aber dem \u201erandalierenden\u201c Hakoah-Anhang und der \u201eDisziplinlosigkeit\u201c ihrer Spieler zugeschoben. Die <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Arbeiter-Zeitung <\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">hingegen polemisierte gegen den WSC, der seine Popularit\u00e4t bei den \u201e\u201aschlagenden\u2019 Lercherln von Hernals\u201c habe, \u201ewaschechte Hakenkreuzler, die es \u2013 wie\u2019s Hakenkreuzler immer pflegen \u2013 nachher nat\u00fcrlich nicht gewesen sein wollen\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u00c4hnliche Berichte sind im M\u00e4rz 1927 im Vorfeld der Nationalratswahlen zu lesen, als die <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Arbeiter-Zeitung <\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">davon schrieb, dass antisemitische Frontk\u00e4mpfer, deutschnationale \u201eBundesgenossen\u201c des christlichsozialen Kanzlers Ignaz Seipel, auf der Hohen Warte aufgetaucht seien: \u201eDas Spiel begann und fast jede Aktion der Hakoahleute wurde von dem Geheul der antisemitischen Banden begleitet: \u201aJ\u00fcdischer Bankert!\u2018, \u201aBinkeljud!\u2018, \u201aAuf nach Zion!\u2019, \u201aTret\u2018ts dem Hebr\u00e4er \u2018n Bauch \u2018nein!\u2018\u201c Das <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Sport-Tagblatt <\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">titelte hingegen: \u201eRaufereien zwischen fanatischen Klubanh\u00e4ngern, aber keine parteipolitischen Demonstrationen.\u201c Auch der Wiener Fu\u00dfballverband dementierte den politischen Hintergrund der Ausschreitungen, er sei \u201efest entschlossen, alles zu tun, um nicht etwa die leidenschaftliche Wahlpropaganda auch auf die Sportpl\u00e4tze \u00fcbergreifen zu lassen\u201c. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">SPORTLICHER VERKEHR<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Geh\u00f6rten antisemitische Beschimpfungen auch beim Sport-Club-Anhang zum Repertoire, so ist die Haltung der WSC-Vereinsfunktion\u00e4re zur Hakoah komplizierter. Bernhard Hachleitner verweist darauf, dass es keinen Hinweis auf Antisemitismus in den Vereinspublikationen gibt. Zum Arierparagrafen sind jedoch einige Artikel von Willy Schmieger \u00fcberliefert. Der Sportjournalist hatte als Aktiver f\u00fcr den WSC gespielt und war bis 1925 Fu\u00dfball- Sektionsleiter. In dem von ihm redigierten <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Illustrierten Sportblatt <\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">hie\u00df es 1922: \u201eDer Sportklub hat keine Juden unter seinen Mitgliedern; er hat zwar nicht den ber\u00fchmten und ber\u00fcchtigten Arierparagrafen in seinen Satzungen, die verschiedenen Wurzeln des Vereines sind aber selbst auf demselben Standpunkte gestanden.\u201c Die lange Tradition sei \u201est\u00e4rker als ein gedrucktes Wort und heute bereits in Wien als eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit angesehen\u201c. Dennoch best\u00fcnde kein scharfer Gegensatz zur Hakoah: \u201eDenn wenn auch naturgem\u00e4\u00df die sportliche Rivalit\u00e4t der beiden Vereine durch die angef\u00fchrten Umst\u00e4nde noch gen\u00e4hrt wurde, so blieb es doch zwischen ihnen immer bei der vornehmen Art der Kampfesf\u00fchrung.\u201c Auch die j\u00fcdische <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Wiener Morgenzeitung <\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">schrieb im Mai 1922, die beiden Klubs verbinde trotz der unterschiedlichen Zusammensetzung eine \u201eaufrichtige \u00a0Freundschaft\u201c. Das ginge darauf zur\u00fcck, dass \u201edie Dornbacher schon zur Zeit, als die Hakoah zweit- und drittklassig war, mit ihr Wettspiele austrugen\u201c. Tats\u00e4chlich sollten bis 1938 25 Freundschaftsspiele stattfinden, zum 40. Jubil\u00e4um des Sport-Club 1923 \u00fcberreichte die Hakoah dem WSC einen prunkvollen Wimpel.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">In seinen Ausf\u00fchrungen zum Arierparagrafen argumentierte Schmieger \u00fcberraschend: Als der Deutsche Sportverein Leoben im Oktober 1923 wegen der Weigerung, gegen Hakoah Graz anzutreten, aus dem Steierm\u00e4rkischen Verband ausgeschlossen wurde, war es vermutlich Schmieger, der im <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Illustrierten Sportblatt <\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">von Dummheit und Borniertheit der Leobner schrieb. Im Hinblick auf den Arierparagrafen im Skiverband hie\u00df es: \u201eDer Verein kann tun, was er will und seine Mitglieder aussuchen, wie es ihm passt, der Verband hat allen zug\u00e4nglich, unparteiisch und unpolitisch zu sein. Jedes Abweichen von diesem Wege ist ein Schritt zum Abgrund.\u201c <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">BODENST\u00c4NDIGER BEZIRKSVEREIN? <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die politische Einordnung des WSC bleibt also schwierig, Grad und Charakter des vereinsinternen Antisemitismus sind schwer fassbar. Im Austrofaschismus, als Sportvereine wegen nationalsozialistischer Bet\u00e4tigung aufgel\u00f6st wurden, attestierten die \u00dcberwachungsprotokolle der Polizei dem Sport-Club, ein \u201ebodenst\u00e4ndiger Bezirksverein auf streng b\u00fcrgerlicher Grundlage\u201c zu sein. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Bezeichnung \u201ebodenst\u00e4ndig\u201c war im Wiener Fu\u00dfball gleichbedeutend mit \u201enicht j\u00fcdisch\u201c. Nach 1945 bezeichnete der sozialistische Politiker Rudolf P\u00f6der, selbst Anh\u00e4nger und sp\u00e4terer Pr\u00e4sident des WSC, den Sport-Club der Zwischenkriegszeit als antisemitischen Kerzerlschlucker-Verein, wohl um den katholischen Hintergrund hervorzuheben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Nach dem \u201eAnschluss\u201c 1938 wurde in den Sportzeitungen lobend darauf Bezug genommen, dass der WSC \u201ebereits bisher rein arisch\u201c war. Der <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Sport Telegraf <\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">schrieb, dass der Verein wegen des Arierparagrafen \u201evon Seiten der j\u00fcdischen Macher gro\u00dfer Anfeindungen ausgesetzt\u201c gewesen sei. Dennoch wurde der WSC von der lokalen NS-Sportb\u00fcrokratie nicht st\u00e4rker gef\u00f6rdert. Das mag auch daran liegen, dass er damals nicht zu den gro\u00dfen Vier des Wiener Fu\u00dfballs, Admira, Austria, Rapid und Vienna, geh\u00f6rte. Hachleitners Res\u00fcmee: \u201eDer Sport-Club war ein antisemitischer Verein, was aber nicht hei\u00dft, dass er ein Naziverein war.\u201c <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Dieser Artikel stammt aus der Jubil\u00e4umsausgabe 100 des Fu\u00dfballmagazins <\/span><b>ballesterer<\/b><span style=\"font-weight: 400;\">. <\/span><a href=\"http:\/\/ballesterer.at\/\" target=\"_blank\"><span style=\"font-weight: 400;\">http:\/\/ballesterer.at\/<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielen Dank an Ballesterer FM und Georg Spittaler f\u00fcr die M\u00f6glichkeit unten stehenden Artikel auf unserer Website\u00a0zu ver\u00f6ffentlichen:<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[22,151,5],"tags":[],"class_list":["post-3934","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fussball","category-gesellschaftliche-anliegen","category-wsc"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3934","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3934"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3934\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3937,"href":"https:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3934\/revisions\/3937"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3934"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3934"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3934"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}