{"id":5764,"date":"2020-04-30T11:00:55","date_gmt":"2020-04-30T09:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/?p=5764"},"modified":"2020-05-14T15:01:42","modified_gmt":"2020-05-14T13:01:42","slug":"die-geisterspiele-die-ich-rief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/die-geisterspiele-die-ich-rief\/","title":{"rendered":"Die Geister(spiele), die ich rief"},"content":{"rendered":"<p>Ein gemeinsames Statement der \u00f6sterreichischen Fanszenen (von der Friedhofstrib\u00fcne um eine geschlechtergerechte Schreibweise und eine Unterscheidung zwischen Frauen- und M\u00e4nnerfu\u00dfball erg\u00e4nzt).<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen unsere Liebe zum Sport und zu unseren Vereinen derzeit leider nicht im Stadion ausleben. Das gef\u00e4llt niemandem von uns, aber da m\u00fcssen wir vor\u00fcbergehend gemeinsam durch. Uns ist die momentane Ausnahmesituation \u2013 sowohl gesellschaftlich als auch aus Sicht des Fu\u00dfballs \u2013 vollends bewusst. Bei den Entscheidungstr\u00e4gern des \u00f6sterreichischen Fu\u00dfballs sind wir uns diesbez\u00fcglich allerdings nicht so sicher. Eines steht au\u00dfer Frage: Die wirtschaftliche Lage vieler Vereine ist angespannt; das Gros der Profivereine ist dem Vernehmen nach sp\u00e4testens ab September zahlungsunf\u00e4hig. Zus\u00e4tzlich \u00fcbt die UEFA gro\u00dfen Druck auf die nationalen Ligen aus und auch die TV-Partner haben ein gro\u00dfes Eigeninteresse an der Fortsetzung werbewirksamer Bewerbe. Und auch viele Fu\u00dfballfans, die normalerweise die Heimspiele ihres Vereins besuchen, w\u00e4hlen aktuell lieber die Option Geisterspiele im TV, als gar keine Spiele ihrer Lieblingsmannschaft zu sehen.<br \/>\nDiese Umst\u00e4nde f\u00fchren dazu, dass die Abhaltung von Geisterspielen von den Entscheidungstr\u00e4gern als nahezu selbstverst\u00e4ndlich und diskussionslos ins Auge gefasst wird. Der M\u00e4nnerfu\u00dfball soll demnach auf unbestimmte Zeit (im schlimmsten Fall noch weit \u00fcber den Sommer hinaus) nur unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit stattfinden, der Frauenfu\u00dfball findet gar nicht statt. Argumentiert wird diese Option von den Funktion\u00e4ren mit Fairness und dem Wettkampfgedanken. Der Abschluss der Bundesliga und damit die Vergabe der Europacuppl\u00e4tze sei folglich auf sportlichem Wege anzustreben. F\u00fcr die Vereine unterhalb der Bundesliga, bei denen es um existenziell wichtige Auf- und Abstiege geht, scheint diese Fairness jedoch nicht zu gelten \u2013 ein sehr durchschaubarer Vorwand. In Wahrheit geht es um Vertr\u00e4ge, die Geld beinhalten \u2013 sehr viel Geld.<br \/>\nDurch die Hintert\u00fcr \u201eCovid-19\u201c setzt sich derzeit ein Paradigmenwechsel fort, der in den 1990er-Jahren in England seinen Anfang nahm: M\u00e4nnerfu\u00dfball findet nicht mehr f\u00fcr die Fans im Stadion statt, sondern f\u00fcr das Fernsehen. Als Milliarden-Geldmaschinerie und Spielwiese f\u00fcr einige Reiche, die nur fortbestehen kann, wenn sie am Laufen gehalten wird. \u201eUm jeden Preis kein Stillstand\u201c scheint derzeit die allgemeine Formel zu lauten. Die Trib\u00fcnenbesucher*innen, die Fans, sind so nur noch Aufputz f\u00fcr die TV-\u00dcbertragungen. Die Emotionen sollen das Produkt maximal besser verkaufen, aber keinesfalls die \u00dcbertragung und die Show st\u00f6ren. Entscheidungen von Video-Schiedsrichter*innen m\u00fcssen zum Beispiel nur noch f\u00fcr das Publikum vor dem Fernseher nachvollziehbar sein \u2013 auf die Emotionen im Stadion wird keine R\u00fccksicht genommen. Auch die k\u00fcnstliche Schaffung von Stadionatmosph\u00e4re durch Fan-Emotionen vom Band (Stichwort \u201eFan-App\u201c) zeigen diese Entwicklung gnadenlos auf.<br \/>\nAls weiteres Argument f\u00fcr eine Fortf\u00fchrung der M\u00e4nner-Bundesliga mit Geisterspielen wird das gro\u00dfe Interesse der \u00d6ffentlichkeit angef\u00fchrt, da es gerade jetzt notwendig sei, dass \u201ef\u00fcr die Menschen ein wichtiges St\u00fcck Normalit\u00e4t zur\u00fcckkehrt\u201c. Bl\u00f6d nur, dass sich die Katze in diesem Zusammenhang zumindest in \u00d6sterreich sprichw\u00f6rtlich in den Schwanz bei\u00dft. Vom Geld geblendet wurden die TV-Rechte der Liga bekannterma\u00dfen ins Pay-TV verschoben. Wieder nichts mit Massenph\u00e4nomen und gesellschaftlicher Verantwortung. Die Abo-Zahlen des Rechteinhabers werden aber wenigstens dort die Kasse klingeln lassen. Wir gratulieren.<br \/>\nDer Profifu\u00dfball hat sich in den letzten Jahrzehnten auf eine unheilige Allianz aus windigen Investoren, TV-Vermarktung und unseri\u00f6sen Spielerberatern eingelassen. Selbst Korruption auf h\u00f6chster Verbandsebene wurde zur Normalit\u00e4t. In Katar sterben laufend Menschen f\u00fcr eine WM, die dort kein einziger Fu\u00dfballfan haben will. Moralisch gibt es f\u00fcr das Fu\u00dfballgesch\u00e4ft global betrachtet kaum noch Luft nach unten.<br \/>\nAber auch auf nationaler Ebene ist die aktuelle Vorgehensweise ein fatales Signal, welches an die Gesellschaft gesandt wird. Viele Bereiche des \u00f6ffentlichen Lebens sind nach wie vor stark eingeschr\u00e4nkt, w\u00e4hrend f\u00fcr Trainings und Geisterspiele der M\u00e4nner-Bundesligavereine auff\u00e4llig viel Energie investiert wird. Auch wenn es derzeit an jeder Ecke hei\u00dft, dass dies alles gar keine Auswirkungen auf andere Lebensbereiche habe (Stichwort PCR-Tests), so bleibt doch das Faktum bestehen, dass alle anderen Team- und Ballsportarten, wie auch der gesamte Frauenfu\u00dfball, ihren Meisterschaftsbetrieb eingestellt und ihre Bewerbe abgebrochen haben.<br \/>\nMit diesem nicht wegzudiskutierenden Sonderstatus verabschiedet sich der Profim\u00e4nnerfu\u00dfball zunehmend von seiner Basis. Dabei ist Fu\u00dfball mehr denn je ein weltweit popul\u00e4res Massenph\u00e4nomen. Er verk\u00f6rpert genau diese Symbiose zwischen Spieler*innen, Betreuer*innen und Fans, die eine Energie wie in keiner anderen Sportart entfachen kann. Selbst etliche Spieler und Betreuer haben mittlerweile kritisch angemerkt, dass Geisterspiele f\u00fcr sie \u201emaximal Testspielcharakter\u201c entwickeln w\u00fcrden \u2013 im Bewusstsein eben dieser Eigenart des Fu\u00dfballs. Wir k\u00f6nnen das nur unterstreichen. Dennoch soll unter teils wahnwitzigen Bedingungen das runde Leder weiterrollen. Spieler sollen nicht gemeinsam ins Stadion einlaufen, aber am Feld gegeneinander \u201ek\u00e4mpfen\u201c oder w\u00e4hrend dem Spiel Masken tragen. Das sind nur zwei Beispiele absurder Ideen, die zurzeit herumgeistern.<br \/>\nAuch ein anderer wichtiger Aspekt kommt in dieser Diskussion zum Tragen: Fu\u00dfball muss f\u00fcr alle sozialen Schichten leistbar sein. Die Fanszenen der einzelnen Fu\u00dfballclubs setzen sich seit Jahren vehement f\u00fcr moderate Ticketpreise ein. Und dies gilt gerade in der jetzigen Zeit, in der Hunderttausende unter Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit leiden. Der aktuellen Situation geschuldet m\u00fcssen wir unsere Forderung vor\u00fcbergehend anpassen: Die Liga, die Vereine und alle Entscheidungstr\u00e4ger*innen haben daf\u00fcr zu sorgen, dass f\u00fcr die Zeit dieser Ausnahmesituation, jeder Fan ohne zus\u00e4tzlichen Abo-Vertrag mit einem TV-Sender alle Spiele verfolgen kann. F\u00fcr aktuelle Saisonkartenbesitzer*innen muss dieses Service auf jeden Fall kostenlos sein! Die Abwicklung sollen jene \u00fcbernehmen, die davon profitieren, dass Fu\u00dfball hinter der Bezahlschranke versteckt wurde, n\u00e4mlich die Liga, die TV Stationen und die Vereine.<\/p>\n<p>Bundesliga und \u00d6FB m\u00fcssen jetzt gemeinsam mit der Regierung an Konzepten arbeiten, wie Fu\u00dfball im Einklang mit gesundheitlichen und gesetzlichen Vorgaben m\u00f6glichst bald wieder wie gewohnt vor Stadionzuschauer*innen ausgetragen werden kann. Alles andere ist nur der hilflose Versuch, ein bereits zuvor krankes System k\u00fcnstlich am Leben zu halten, damit das Gesch\u00e4ft mit dem Fu\u00dfball f\u00fcr einige wenige weiterlaufen kann. Insbesondere f\u00fcr Mannschaften, die derzeit nicht im Profibereich spielen, sind Geisterspiele nicht einmal vor\u00fcbergehend eine sinnvolle Alternative. In der dritten, vierten oder f\u00fcnften Liga machen Spiele ohne Fans auch wirtschaftlich keinen Sinn.<br \/>\nUnd was Ideen von Pappfiguren, Fan-Apps oder andere Rohrkrepierer bei Geisterspielen angeht, haben wir nur eine Antwort: Wer Geisterspiele will, soll diese auch als nackte Wahrheit pr\u00e4sentiert bekommen. Alles andere w\u00e4re nicht authentisch und ist daher strikt abzulehnen!<br \/>\nEs ist h\u00f6chste Zeit, um \u00fcber die generelle Entwicklung des Fu\u00dfballs nachzudenken. Genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, entsprechende Ma\u00dfnahmen einzuleiten, um sich weniger abh\u00e4ngig von Sponsoren und TV-Stationen zu machen. Vielleicht ist ausgerechnet diese schwierige Situation die Chance, um wieder auf einen ges\u00fcnderen Weg zur\u00fcckzukehren. Der Fu\u00dfball muss wieder unabh\u00e4ngiger werden und sich von diesem offensichtlich kaputten Gesch\u00e4ftsmodell verabschieden. Es ist an der Zeit, das Hauptaugenmerk auf jene zu richten, die das eigentliche R\u00fcckgrat des Fu\u00dfballs bilden \u2013 die Fans. Unsere Unterst\u00fctzung ist den handelnden Personen bei diesem Vorhaben gewiss.<\/p>\n<p>Altacher Jungs \u2013 Block West \u2013 Fanszene Austria Klagenfurt \u2013 Fanszene Ried \u2013 Fanszene Vorw\u00e4rts Steyr \u2013 Freund*innen der Friedhofstrib\u00fcne \u2013 Gate 2 Admira \u2013 Kollektiv 1909 \u2013 Landstrassler \u2013 Nordtrib\u00fcne Lustenau \u2013 Stahlstadt Kollektiv \u2013 Tivoli Nord \u2013 Union \u201899 Ultr\u00e0 Salzburg \u2013 Vienna Supporters \u2013 Wolfbrigade 04 St. P\u00f6lten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein gemeinsames Statement der \u00f6sterreichischen Fanszenen (von der Friedhofstrib\u00fcne um eine geschlechtergerechte Schreibweise und eine Unterscheidung zwischen Frauen- und M\u00e4nnerfu\u00dfball erg\u00e4nzt). Wir k\u00f6nnen unsere Liebe zum Sport und zu unseren Vereinen derzeit leider nicht im Stadion ausleben. 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