{"id":6250,"date":"2022-11-04T12:56:00","date_gmt":"2022-11-04T10:56:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/?p=6250"},"modified":"2022-11-04T17:02:12","modified_gmt":"2022-11-04T15:02:12","slug":"boycott-qatar-arbeitsrecht-ist-menschenrecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedhofstribuene.at\/wordpress\/boycott-qatar-arbeitsrecht-ist-menschenrecht\/","title":{"rendered":"Boycott Qatar! Arbeitsrecht ist Menschenrecht!\u00a0"},"content":{"rendered":"<p>Am 20. November 2022 startet die Herren-Fu\u00dfballweltmeisterschaft in Katar. Die britische Tageszeitung \u201eThe Guardian\u201c hat dazu recherchiert und festgestellt, dass w\u00e4hrend der Arbeiten zur Vorbereitung teils sklaven\u00e4hnliche Bedingungen geherrscht haben und rund 6.500 Arbeiter*Innen dabei ums Leben gekommen sind. Die Freund*innen der Friedhofstrib\u00fcne haben daher beschlossen, die diesj\u00e4hrige fairplay \u2013 Aktionswochen unter das Motto \u201eArbeitsrechte sind Menschenrechte\u201c zu stellen und rufen dazu auf die Herren-WM in Katar zu boykottieren.<\/p>\n<p><strong>Aber auch in \u00d6sterreich muss um Arbeitsrechte st\u00e4ndig gek\u00e4mpft werde<\/strong>n!<\/p>\n<p>In \u00d6sterreich gibt es Gesetze, Verordnungen und Kollektivvertr\u00e4ge, die die Rechte von Arbeitenden sch\u00fctzen (sollen). Die ersten Gesetze hierzu wurden 1842 (Verbot von Fabriksarbeit f\u00fcr unter 9-j\u00e4hrige) erlassen, die gr\u00f6\u00dften Fortschritte wurden erreicht, als sich die Lohnarbeiter*innen begonnen haben, sich parteipolitisch und gewerkschaftlich zu organisieren, was erst ab 1870 erlaubt wurde. Durch den gro\u00dfen Druck der auf der Stra\u00dfe ausgetragen wurde, konnten ab 1918 und in den darauffolgenden Jahren die Rechte der Lohnarbeiter*innen in Gesetze gegossen werden, die zum Gro\u00dfteil heute noch (nahezu unver\u00e4ndert) gelten \u2013 u.a. wurde die Arbeiterkammer eingerichtet und der 8-Stundentag, Urlaubsanspruch, das Betriebsr\u00e4tegesetz, Verbot der Kinderarbeit, das Angestelltengesetz sowie das Kollektivvertragssystem eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Ein klassisches Vollzeit-Dienstverh\u00e4ltnis ist also gesetzlich grunds\u00e4tzlich gut abgesichert, aber zu den ohnehin schon komplexen Gesetzen und Verordnungen kommen noch komplexere Kollektivvertr\u00e4ge dazu, in denen sich die erwerbst\u00e4tige Bev\u00f6lkerung zurechtfinden soll. Man kann bei Vergehen sein Recht mit Hilfe der Arbeiterkammer vor Gericht einfordern, aber viele Vorgaben haben einen gr\u00f6\u00dferen Interpretationsspielraum und nicht jede*r will sich mit finanzstarken Arbeitgeber*innen vor Gericht \u00fcber Jahre hinweg anlegen.<\/p>\n<p><strong>Atypische Besch\u00e4ftigung und prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse<\/strong><\/p>\n<p>Dazu kommt, dass vor allem in den letzten 20 Jahren sogenannte \u201eatypische Besch\u00e4ftigungsformen\u201c stark angestiegen sind. Darunter fallen alle\u00a0 Arbeitsbeziehungen, die keiner unbefristeten Vollzeitbesch\u00e4ftigung und deren sozialrechtlichen Absicherung entsprechen, also Teilzeitarbeit, geringf\u00fcgige Besch\u00e4ftigung, Arbeitskr\u00e4fte\u00fcberlassung, Befristungen, freie Dienstvertr\u00e4ge, \u201eneue Selbstst\u00e4ndige\u201c (Werkvertr\u00e4ge) oder digitale Arbeitsformen wie \u201ecrowdwork\u201c oder \u201ecloudwork\u201c.<\/p>\n<p>Diese Arbeitsformen sind (in der richtigen rechtlichen Auslegung) weder verboten noch per se schlecht f\u00fcr die Arbeitnehmer*innen, sie k\u00f6nnen f\u00fcr manche Personen vor allem \u00fcber einen gewissen Zeitraum (w\u00e4hrend Ausbildung, Studium, \u00dcbergang zur \u201eechten\u201c Selbstst\u00e4ndigkeit) einen tats\u00e4chlichen Vorteil bringen. Oft wird diese vermeintliche Flexibilit\u00e4t aber in der Realit\u00e4t von der Arbeitgeberseite bestimmt und die Arbeitsform lediglich dazu genutzt, die bestehenden Gesetze zu umgehen. Anstatt sich die Arbeit frei einteilen zu k\u00f6nnen oder die Arbeitszeit der Lebenssituation entsprechend anzupassen, k\u00f6nnen atypische Besch\u00e4ftigungen zu einer prek\u00e4ren Arbeitssituation f\u00fchren, in der die Arbeitnehmer*innen mit dem Einkommen kein w\u00fcrdiges, selbstbestimmtes Leben gestalten k\u00f6nnen oder sie aufgrund befristeter Vertr\u00e4ge oder Werkvertr\u00e4gen zu einer immer wiederkehrenden Arbeitslosigkeit bzw. einem st\u00e4ndigen Gef\u00fchl der Unsicherheit und Angst leben.<\/p>\n<p>Der abgesicherte Standard eines klassischen, abgesicherten Vollzeitjobs ist l\u00e4ngst nicht mehr der Standard. Mittlerweile sind nur mehr 2\/3 der unselbstst\u00e4ndigen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse unbefristete Vollzeitanstellungen. Valide Zahlen bzgl. Werkvertr\u00e4ge oder Crowdworking gibt es momentan nicht \u2013 aber diese sogenannte \u201eGig-Economy\u201c, in der Personen in eine Scheinselbstst\u00e4ndigkeit gezwungen werden (zB Paketdienste, Essensauslieferer, Personen in der IT- oder Marketingbranche,\u2026), ist stark am steigen.<\/p>\n<p><strong>Initiative \u201eundok\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Neu im \u00f6sterreichischem Arbeitsrecht sind die Regelungen f\u00fcr Asylwerber*innen, die einer Erwerbsarbeit in \u00d6sterreich nachgehen wollen. Hier gibt es noch sehr viele Graubereiche und die Situation der Asylwerber (schlechte Sprachkenntnisse, fehlendes Wissen \u00fcber bestehende Arbeitsrechte, Angst vor Verlust des Asylstatus,&#8230;) wird von den Arbeitgeber*innen oft ausgenutzt. Hier wurde von mehreren Fachgewerkschaften, der Arbeiterkammer Wien, von NGOs, Aktivist*innen,&#8230; die Initiative \u201eundok\u201c gestartet, die Rechte dieser Personengruppe einzufordern \u2013 f\u00fcr die wir im Rahmen dieser Aktionswoche auch finanzielle Unterst\u00fctzung sammeln.<\/p>\n<p><strong>Situation in \u00d6sterreich<\/strong><\/p>\n<p>Seit den 70er-Jahren hat es keine wesentlichen Verbesserungen im Arbeitsrecht gegeben, ganz im Gegenteil. Die Arbeitszeit wurde ausgeweitet, seit mittlerweile Jahrzehnten leben wir mit einem Reallohnverlust, Unternehmen umgehen nahezu ungehindert bestehende Arbeitsrechte, das Niveau wird durch das Ausbeuten von Asylwerber*innen und dem \u201eImport von Fachkr\u00e4ften aus Drittstaaten\u201c nachhaltig untergraben und durch die Steuern und Abgaben der Erwerbst\u00e4tigen werden die Gewinne von Konzernen subventioniert. \u201eEchte\u201c Einzelpersonenunternehmen und Kleinbetriebe wurden hier noch gar nicht erw\u00e4hnt, aber auch hier hat sich die Situation keinesfalls verbessert. Es sei hier nur angemerkt, dass ein Ausspielen von Erwerbst\u00e4tigen und Kleinbetrieben nur dazu f\u00fchrt, die Kluft von Arm und Reich zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n<p><strong>Was dagegen tun?<\/strong><\/p>\n<p>Es reicht! Es wird Zeit, dass wir wie damals unser Recht gegen\u00fcber den Unternehmen, den Konzernen und den Superreichen auf der Stra\u00dfe einfordern. Dass die Situation der \u00c4rmsten verbessert wird \u2013 und nicht, dass das Niveau der Mehrheit zu Gunsten weniger gesenkt wird.<\/p>\n<h4>Konkret k\u00f6nnt ihr<\/h4>\n<p>&#8211; bei unserer heurigen K\u00e4stchenaktion f\u00fcr UNDOK spenden (<a href=\"https:\/\/undok.at\/\">https:\/\/undok.at\/<\/a>)<\/p>\n<p>&#8211; euch wenn ihr betroffen seid bei den anstehenden Streiks der div. Branchen anschlie\u00dfen<\/p>\n<p>&#8211; bei Demonstrationen teilnehmen, zB &#8222;Soziale Arbeit ist mehr wert!&#8220; am8.11.2022<\/p>\n<h4>&#8211; euch bei der Arbeiterkammer oder Fachgewerkschaft informieren, wenn ihr euch ungerecht behandelt f\u00fchlt<\/h4>\n<h4>&#8211; Mitarbeiter*innen aufkl\u00e4ren, bei denen ihr gesetzeswidriges Verhalten seitens der Arbeitgeber*innen seht<\/h4>\n<h4><strong>&#8230;und am wichtigsten: euch solidarisieren! Nur gemeinsam kann man etwas<\/strong><br \/>\n<strong>bewegen!<\/strong><\/h4>\n<p>Links:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/undok.at\/de\/ueber-uns\/\">https:\/\/undok.at\/de\/ueber-uns\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/wien.arbeiterkammer.at\/kontakt-arbeitsrecht\">https:\/\/wien.arbeiterkammer.at\/kontakt-arbeitsrecht<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/global-development\/2021\/feb\/23\/revealed-migrant-worker-deaths-qatar-fifa-world-cup-2022\">https:\/\/www.theguardian.com\/global-development\/2021\/feb\/23\/revealed-migrant-worker-deaths-qatar-fifa-world-cup-2022<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.oegb.at\/gewerkschaften\">https:\/\/www.oegb.at\/gewerkschaften<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.arbeiterkammer.at\/service\/betriebsrat\/bildungdesbetriebsrates\/Betriebsrat_neu_gruenden.html\">https:\/\/www.arbeiterkammer.at\/service\/betriebsrat\/bildungdesbetriebsrates\/Betriebsrat_neu_gruenden.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.boycott-qatar.de\/\">https:\/\/www.boycott-qatar.de\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.fairplay.or.at\/projekte\/unser-spiel-fuer-menschenrechte\">https:\/\/www.fairplay.or.at\/projekte\/unser-spiel-fuer-menschenrechte<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.amnesty.de\/informieren\/laender\/katar\">https:\/\/www.amnesty.de\/informieren\/laender\/katar<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 20. 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